Blog | Unsichtbar, unbezahlt, ungleich verteilt: Wie Sorgearbeit Frauen belastet

Wer kümmert sich um alles? Foto: Jonathan Borba | pexels
Wer kümmert sich um alles?
Unsichtbar, unbezahlt, ungleich verteilt: Wie Sorgearbeit Frauen belastet
Sorgearbeit – auch Care-Arbeit genannt – bedeutet, sich um andere Menschen zu kümmern. Dazu gehört alles, was im Alltag notwendig ist, damit Kinder, Angehörige, Partner*innen oder auch wir selbst gut versorgt sind: kochen, einkaufen, Wäsche waschen, Kinder betreuen, Angehörige pflegen, Termine organisieren, trösten, zuhören und vieles mehr.
Manche Sorgearbeit ist sichtbar. Vieles bleibt aber unsichtbar: Wer bringt die Kinder in Kindergarten und Schule? Wer denkt an den Arzttermin? Wer weiß, dass die Sportschuhe zu klein sind? Wer plant den Einkauf, das Geburtstagsgeschenk oder die Betreuung in den Ferien? Auch in Partnerschaften ohne Kinder wird diese mentale Last oft unterschätzt.
Sorgearbeit ist deshalb mehr als einzelne Aufgaben. Sie bedeutet Verantwortung. Und diese Verantwortung ist in vielen Familien und Partnerschaften noch immer ungleich verteilt – meistens bleibt alles in der Verantwortung von Frauen.
Sorgearbeit ist auch Arbeit
Sorgearbeit ist eine wichtige Grundlage unseres Zusammenlebens. Ohne sie gibt es keine versorgten Kinder, keine saubere Kleidung, kein Essen, keine gepflegten Angehörigen, keine Alltagsorganisation und keine emotionale Stabilität in Familien.
Trotzdem wird unbezahlte Sorgearbeit oft nicht als Arbeit gesehen. Sie ist für viele etwas, das ohnehin nebenbei wie von selbst passiert. Doch sie kostet Zeit, Kraft und Energie. Sie endet nicht am Abend, nicht am Wochenende und nicht automatisch im Krankheitsfall.
Während Erwerbsarbeit bezahlt und gesellschaftlich anerkannt wird, bleibt Sorgearbeit im privaten Bereich häufig unsichtbar. Das trifft Frauen besonders stark. Sie leisten in Österreich deutlich mehr unbezahlte Sorgearbeit als Männer – besonders in Lebensphasen, in denen Kinder klein sind, Familien gegründet werden oder Angehörige Unterstützung brauchen.
„Mithelfen“ reicht nicht
Ein großer Teil von Sorgearbeit ist die mentale oder psychische Belastung – der sogenannte Mental Load. Das ist die gedankliche Verantwortung dafür, dass der Alltag in Beziehungen, in Familien funktioniert: planen, vorausdenken, erinnern, organisieren, delegieren und kontrollieren.
Viele Frauen kennen dieses Gefühl: Sie werden gefragt, wo etwas liegt, was noch eingekauft werden muss, wann ein wichtiger Termin ist oder was die Kinder brauchen. Wenn sie nicht daran denken, passiert es meist nicht. Auch wenn Partner*innen „helfen“, bleibt die meiste Verantwortung oft bei den Frauen.
Wie leicht diese unsichtbare Verantwortung übersehen wird, beschreibt auch Gert, Vater eines vierjährigen Sohnes: „Ich habe mich immer als verantwortungsbewussten Papa gesehen. Ich mache vieles mit unserem Sohn, gehe mit ihm spazieren, spiele mit ihm und mache ihm etwas zu essen. Aber was meine Frau zusätzlich alles im Kopf hat – von der Schuhgröße bis zu Arztterminen und der nächsten Betreuungslösung – war mir lange nicht bewusst. Erst da habe ich verstanden, wie viel Verantwortung im Hintergrund mitläuft.“
Sein Beispiel macht deutlich, dass Care-Arbeit nicht damit endet, einzelne Aufgaben zu erledigen. Verantwortung zu übernehmen, heißt auch, selbst mitzudenken, vorauszuplanen und zu erkennen, was im Alltag gebraucht wird.
Zwischen Helfen und echter Verantwortungsübernahme gibt es einen entscheidenden Unterschied. Wer hilft, wartet meist auf eine Aufgabe. Wer Verantwortung übernimmt, erkennt selbst, was zu tun ist, plant es, setzt es um und überprüft, ob es erledigt wurde.
Wenn alles zu viel wird
Ungleich verteilte Sorgearbeit hat Folgen. Frauen reduzieren häufiger ihre Erwerbsarbeitszeit, übernehmen mehr unbezahlte Arbeit und tragen damit langfristige finanzielle Nachteile. Weniger Einkommen bedeutet weniger berufliche Entwicklungsmöglichkeiten, weniger finanzielle Eigenständigkeit und später oft weniger Pension.
Dazu kommt die gesundheitliche Belastung. Wer dauerhaft viele Aufgaben, Bedürfnisse und Erwartungen gleichzeitig im Kopf behalten muss, hat weniger Raum für Erholung. Die Erschöpfung entsteht also nicht nur durch das, was getan wird. Sie entsteht auch durch die ständige Zuständigkeit.
Was faire Aufteilung bedeutet
Eine faire Aufteilung bedeutet nicht, dass jede Aufgabe mathematisch exakt halbiert werden muss. Familien sind unterschiedlich. Erwerbsarbeit, Einkommen, Kinderbetreuung, Pflege, Wohnsituation und persönliche Belastungen verändern sich.
Fair wird es dort, wo beide Seiten sehen, was zu tun ist, und Verantwortung bewusst aufteilen. Entscheidend ist, dass nicht eine Person automatisch die Familienmanagerin bleibt und die andere nur auf Zuruf mitarbeitet.
Dazu braucht es Gespräche nicht erst dann, wenn alles zu viel ist, sondern regelmäßig. Hilfreich kann sein, Aufgaben sichtbar zu machen: Was muss täglich, wöchentlich oder monatlich erledigt werden? Wer denkt daran? Wer führt es aus? Wer kontrolliert, ob es erledigt wurde?
Oft wird erst durch eine solche Liste deutlich, wie viel unsichtbare Arbeit im Alltag steckt.
Verantwortung konkret aufteilen
Veränderung beginnt mit Bewusstsein. Wer erkennt, dass die eigene Erschöpfung nicht persönliches Versagen ist, sondern mit einer ungleichen Aufgaben- und Verantwortungsverteilung zu tun hat, kann beginnen, anders darüber zu sprechen.
Ein erster Schritt kann ein ruhiges Gespräch mit der Partnerin oder dem Partner sein. Dabei geht es nicht darum, Vorwürfe zu sammeln. Es geht darum, die eigene Belastung sichtbar zu machen: Was trage ich im Alltag? Was ist zu viel? Wo brauche ich Entlastung? Welche Verantwortung kann konkret abgegeben werden?
Wichtig ist, ganze Aufgabenbereiche zu übertragen. Nicht: „Kannst du bitte einkaufen gehen?“ Sondern: „Du übernimmst den Bereich Einkauf: Vorräte prüfen, Liste führen, planen, einkaufen, nachfüllen.“ Je klarer vereinbart wird, was dazugehört, desto eher kann Verantwortung wirklich wechseln.
Frauen müssen das nicht allein lösen
So wichtig persönliche Schritte sind: Die ungleiche Verteilung von Sorgearbeit ist kein rein privates Problem. Sie hängt mit Rollenbildern, Arbeitszeitmodellen, Kinderbetreuung, Einkommen und gesellschaftlichen Erwartungen zusammen.
Frauen sollen heute berufstätig sein, finanziell unabhängig bleiben, Kinder begleiten, Angehörige unterstützen, den Haushalt organisieren und dabei möglichst belastbar, liebevoll und verfügbar bleiben. Diese Anforderungen sind widersprüchlich. Sie lassen sich nicht allein durch bessere Organisation lösen.
Deshalb braucht es auch strukturelle Veränderungen: bessere Kinderbetreuung, faire Arbeitsbedingungen, Vereinbarkeit für alle Geschlechter, mehr Anerkennung von Care-Berufen, gerechtere Pensionen und eine Arbeitswelt, in der auch Männer selbstverständlich Sorgeverantwortung übernehmen.
Beratung kann entlasten und stärken
Beratung kann dabei unterstützen, die eigene Situation zu ordnen, Grenzen wahrzunehmen, Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln und nächste Schritte zu machen. Denn Sorgearbeit aufzuteilen, ist mehr als Entlastung im Alltag. Es bedeutet mehr Selbstbestimmung, mehr finanzielle Sicherheit, mehr Partnerschaft auf Augenhöhe und mehr Raum für das eigene Leben.
Die ständige, alleinige Sorgearbeit in Beziehungen, in Familien belastet. Umso wichtiger ist es, sich Unterstützung zu holen und die eigene Belastung ernst zu nehmen.
ABZ*Beratung für Frauen in Wien Unterstützung für Frauen in unterschiedlichen Lebenssituationen – auch dann, wenn Pflege, Vereinbarkeit oder berufliche Fragen zur Herausforderung werden.
Telefonische Terminvereinbarung jeweils Dienstag und Donnerstag zwischen 9 und 13 Uhr unter der Telefonnummer +43 1 8177344 oder per E-Mail unter beratung12@abz-austria.at.
Die ABZ*Beratung für Frauen wird gefördert durch die Stadt Wien, Frauenservice Wien (MA57).