10 Jahre FiT - Frauen in Handwerk und Technik

04.11.2016 - 10:00 - 15:00
Josef Halbmayr, ÖBB VorstandJohannes Kopf, AMS VorstandManuela Vollmann, abz*austria Geschäftsführerin
PublikumPublikumPetra Draxl, AMS Wien Geschäftsführerin
PodiumsgesprächPodiumsgesprächPodiumsgespräch
PodiumsgesprächPublikumPublikumsdiskussion
PodiumPetra Draxl, AMS Wien GeschäftsführerinPodium
PodiumPublikumMartina Hochreiter im Gespräch mit FiT-Teilnehmerin
PublikumMonika Peitsch, Traude Kogoj, Sylvia Kaupa, Erika Bartos, Manuela VollmannLive Streaming der Veranstaltung
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Zehn Jahre Frauen in Handwerk und Technik

Am 04. November 2016 feierte abz*austria ein ganz besonderes Jubiläum. Im Auftrag des AMS Wien berät, begleitet und unterstützt abz*austria seit 10 Jahren Frauen auf dem Weg in handwerklich-technische Berufe. Dem Anlass entsprechend fand die Veranstaltung in der Unternehmenszentrale der ÖBB, einem wichtigen Kooperationspartner statt. Mehr als 60 Gäste folgten der Einladung und interessierten sich für die Herausforderungen und die Erfolgsstrategien von Frauen, die ihren Weg in handwerklich–technische Berufe gegangen sind. Gleichzeitig kamen auch UnternehmensvertreterInnen zu Wort, die bereits Frauen in diesen Berufen ausgebildet und angestellt haben und damit eine Vorreiterrolle in traditionell immer noch männlich besetzten Bereichen einnehmen.

ÖBB Vorstand Josef Halbmayer begrüßte die Anwesenden und betonte gleich zu Beginn, dass die ÖBB nicht nur ein Dienstleistungs- sondern auch Technikunternehmen ist und damit viele interessante Jobs für Frauen anbieten kann, die sich für den nichttraditionellen Berufsmarkt interessieren. Die ÖBB hat die ersten Triebfahrzeugführerinnen im FiT.Prorgamm eingestellt und ausgebildet. Auch AMS Vorstand Johannes Kopf freut sich über das 10 jährige Jubiläum dieses erfolgreichen Programms. Als AMS Vorstand hat er die Entstehungsgeschichte von Anfang an mitgestaltet und erlebt. "Heldinnen" nennt er die Frauen, die handwerklich-technische Ausbildungen absolviert haben und in klassischen Männerberufen Karriere gemacht haben. Klar macht er aber auch, "dass es hier nicht um ein soziales Anliegen geht, sondern darum, dem Fachkräftemangel mittels Gleichstellungsförderung entgegenzuwirken." Gleichzeitig betont Kopf: "Es sind nicht nur andere, sondern vor allem auch zusätzliche Fähigkeiten für den Arbeitsmarkt gefragt. Es geht immer mehr um vernetztes Denken, interkulturelles Wissen und Kommunikationsfähigkeit. Viele Unternehmen berichten, dass jene Frauen, die eine FiT.Ausbildung absolviert haben, diese verschiedenen Anforderungen besonders gut miteinander kombinieren können."

Manuela Vollmann, Geschäftsführerin von abz*austria freut sich, dass es möglich ist Erfolge zu feiern. "Das FiT.Programm ist eine Maßnahme des Arbeitsmarktservice Österreich zur Gleichstellung von Frauen und Männern am Arbeitsmarkt und wird seit 2006 durchgeführt. Im FIT Zentrum Wien werden von Mentor GmbH&Co OG Informationstage sowie vorbereitende Kursmaßnahmen, eine handwerklich-technische Berufsorientierung – Perspektivenerweiterung sowie die Basisqualifizierung zum Auffrischen schulischer Kenntnisse durchgeführt", erläutert Vollmann weiter. Jedes Jahr starten ca. 350 Frauen und Mädchen eine FiT Ausbildung. Derzeit werden in der FiT.Frauenberatung von abz*austria rund 680 Frauen begleitet und betreut. Außerdem arbeitet abz*austria mit rund 500 Wiener Betrieben allein im FiT Bereich zusammen.

In der anschließenden Podiumsdiskussion macht Silvia Kaupa-Götzl, Geschäftsführerin der ÖBB- Postbus GmbH keinen Hehl draus, dass der Lenkerberuf oder der Triebfahrzeugführerberuf ein traditionell männlich besetzter Bereich war. Doch im Unternehmen sei ein Wandel im Laufen und das hat gute Gründe. "50 Prozent der Kunden der ÖBB sind Kundinnen, schon alleine deshalb ist es wichtig, auch eine weibliche Sichtweise ins Unternehmen zu bringen", erläutert Kaupa-Götzl. Dies gelinge nicht zuletzt deshalb, da Berufe wie Buslenkerin und Triebfahrzeugführerin nicht mehr so körperlich anstrengend wie früher und dadurch von Männern und Frauen gleich zu bewältigen sind. Angesprochen auf die Drop out Raten von Frauen während der Ausbildung, räumt Kaupa-Götzl auch gleich mit immer noch bestehenden Mythen auf: "Natürlich gibt es Frauen, die den Weg nicht zu Ende gehen und die Ausbildung abbrechen oder auch den Job nicht mehr wollen. Aber die gibt es bei Männern auch und somit ist das für mich kein Argument, kein Geld in die Ausbildung von Frauen zu investieren." Gefragt, wie es denn mit den Erfolgen in Sachen Frauenanteil aussieht, antwortet die Postbus-Chefin offen: "Wir steigern den Frauenanteil nur langsam, aber es bewegt sich etwas."

So haben sich laut Kaupa-Götzl die Bewerbungen zur Ausbildung als Triebfahrzeugführerin mittlerweile versechsfacht, vor allem im Westen gäbe es mittlerweile auch sehr viele Buslenkerinnen und in Graz ist eine erste Mechanikerin als Lehrling aufgenommen worden.

Harald Weidhofer hat zwei Raufangkehrerbetriebe mit 12 MitarbeiterInnen. Er weiß, warum er gerne mit Raufangkehrerinnen arbeitet: "Die Frauen haben oft die bessere Ausbildung, sind ehrgeiziger und sehr zuverlässig, man muss ihnen nur die Strukturen dafür bieten." Gibt es Probleme im Team, dann sieht er es ganz klar als Chefsache darauf aufzupassen, dass niemand gemobbt wird, nicht zuletzt aus der pragmatischen Überlegung heraus, "dass ich es mir als Unternehmer gar nicht leisten kann, für mein Unternehmen wichtige MitarbeiterInnen zu verlieren." Probleme mit körperlichen Herausforderungen, denen Frauen nicht Stand halten könnten, sieht er nicht. "Die Frauen, die bei uns arbeiten, werden mit der Zeit kräftig, es dauert vielleicht ein paar Monate, aber dann haben sich die Frauen genau wie die Männer die notwendigen Muskeln erarbeitet und auch in diesem Beruf sind die diesbezüglichen Anforderungen nicht mehr so hart wie früher." Wichtig sei aber, "auf den Umgang miteinander zu achten und die Frauen soweit zu unterstützen, dass sie ihren Job auch alleine mit genügend Selbstbewusstsein machen können, denn nicht überall sind Rauchfangkehrerinnen schon gerne gesehen und akzeptiert."

Richard Horvath, Lehrbeauftragter der FH Campus Wien hat einige Frauen gefragt, warum sie sich für den technischen Bereich begeistern. "Die Frauen sind sehr interessiert, wissen aber auch, dass sie später Jobs bekommen, die besser bezahlt werden als klassische Frauenberufe." Es macht also Sinn, die Einkommensunterschiede klar zu kommunizieren, dies bestätigt auch AMS Wien Geschäftsführerin Petra Draxl. Außerdem erzählt Horvath, dass seinen Beobachtungen zufolge, "es scheinbar so ist, dass das Interesse oft über die Väter an die Töchter weitergegeben wird, die Vorbildwirkung ist also nicht zu unterschätzen."

AMS Wien Geschäftsführerin Petra Draxl fasst zusammen, was gut gelungen ist: "2016 können wir sagen, dass unter den 10 meist gewählten Berufen bei Mädchen auch die Metalltechnikerin dabei ist. Außerdem haben in den vergangenen zehn Jahren 9000 Frauen österreichweit am FiT.Programm teilgenommen und eine Ausbildung absolviert. 54 % davon haben eine ausbildungsadäquate Arbeit bekommen, wobei dieser Wert drei Monate nach Ausbildungsabschluss gemessen wird und sich später noch erhöht." Draxl erläutert weiter: "In Wien haben 2000 Frauen am FiT.Programm teilgenommen, 47% davon haben einen entsprechenden Job gefunden." Nicht zuletzt sei es auch beachtlich eine Ausbildung im Haupterwerbsalter zu absolvieren, denn damit sind viele Herausforderungen gekoppelt. Zu den Fakten sagt Draxl: "69% der Personen waren im Haupterwerbsalter, 9% der Frauen, die teilgenommen haben, waren über 45 Jahre alt."

Einig ist man sich darüber, dass die Erhöhung des Frauenanteils in handwerklich-technischen Berufen nur funktioniert, wenn Unternehmen diesbezüglich klare Ziele in der Konzernstrategie verankern und als Managementthema begreifen. Außerdem sei es wichtig, wie bei der heutigen Veranstaltung, immer wieder über Erfolge zu sprechen. Klar ist, mit dem FiT.Programm ist viel bewegt und verändert worden und dies auf verschiedensten Ebenen: individuell, strukturell und gesellschaftlich. Manuela Vollmann, Geschäftsführerin von abz*austria, äußert den Wunsch, dass es mehr Orte für Unternehmen gibt, sich auszutauschen und Zusammentreffen von EntscheidungsträgerInnen, die die Erhöhung des Frauenanteils in männerdominierten Branchen auf die Agenda setzen.

Im Anschluss an die Podiumsdiskussion sprach Projektleiterin Martina Hochreiter mit zwei Frauen, die über das FiT.Programm eine erfolgreiche Ausbildung absolviert haben. Eine Teilnehmerin hat die Lehre als Bauinformatikerin absolviert und arbeitet zurzeit bei der Firma Strabag. Erika Bartos ist bei der ÖBB als Triebfahrzeugführerin angestellt und erzählt, dass "die Ausbildung nicht leicht war und man sehr viel lernen musste, aber die Begeisterung lässt einen dranbleiben". Bartos ist froh drangeblieben zu sein, denn der Tausend PS schwere Job ist genau der richtige für sie. Einig ist man sich, "dass vor allem gutes Zeitmanagement während der Ausbildung wichtig ist."