Der Traum vom Theater-Café in Freiheit

Der Traum vom Theater-Café in Freiheit

Tagsüber spielte sie die regierungstreue Mitarbeiterin, abends illegal in Theatern im Untergrund: Im Interview spricht Baharak Abdolifard über ihr Doppelleben im Iran, ihre neue Freiheit in Wien und die Realisierung ihres Traums von einem eigenen Café.

Irgendwann begannen sie in der Arbeit, Fragen zu stellen. Warum sie denn nicht regelmäßig mittags zum Beten in den Gebetsraum komme. Ob sie denn noch gläubig sei. Baharak Abdolifard wusste: Jetzt ist es Zeit, den Iran zu verlassen. Heute gehört die 35-Jährige zur persischen Exil-Elite in Wien. Sie entspricht so gar nicht dem Klischeebild einer Iranerin: Sie trägt kurzen Wuschelkopf statt Kopftuch, lacht viel und raucht selbstgedrehte Zigaretten. Im Sommer hat die Sängerin mit dem Radio-Symphonieorchester Wien und anderen KünstlerInnen aus aller Welt am Projekt RAUM MACHT MUSIK mitgewirkt. Sie ist auch Schauspielerin und plant, mit ihrem Freund – einem iranischen Theaterregisseur und Schauspieler – ein multikulturelles Theater-Café zu eröffnen. Im Interview erzählt die Psychologin, wie es war, im Iran als säkular denkende Frau ein Doppelleben zu führen – zwischen rigiden Kontrollen der Polizei, Untergrund-Theater, geheimen Partys und ihrem Job in einer staatlichen Fürsorge-Einrichtung.

Wie kam es dazu, dass Sie den Iran verlassen haben?

Baharak Abdolifard: Ich habe sieben Jahre als Sozialarbeiterin in der Fürsorge für Frauen und Kinder in Teheran gearbeitet. Ich habe dort Projekte für Alleinerzieherinnen für die Städte koordiniert. Es war ein sehr guter Job, weil meine Chefin mich sehr unterstützt hat.

Wie war das Arbeiten in einer staatlichen Organisation?

Die weiblichen Führungskräfte mussten Tschador tragen, wir Mitarbeiterinnen nicht. Ich habe keinen Tschador getragen, nur auf der Straße habe ich den Hijab, einen lockeren Schal, verwendet. Wenn die Polizei gekommen ist, musste man aufpassen, den Mantel wieder zuknöpfen und die Haare unter dem Hijab verstecken.

Frauen dürfen nicht arbeiten, nicht Autofahren im Iran. Das sind klischeehafte Bilder vom Leben im Iran. Stimmen die?

Nein, Frauen dürfen arbeiten und Autofahren, aber sie haben insgesamt weit weniger Rechte als hier. Frauen ohne Ehemann haben es sehr schwer. Ich habe in Projekten für alleinerziehende Frauen gearbeitet: Viele werden von Männern als Freiwild gesehen und belästigt, weil sie keinen Ehemann haben. Es kommt aber sehr darauf an, wie ihre Familien mit ihnen umgehen, ob sie streng sind oder eher liberal.

Ist Ihre Familie liberal?

Ja, meine Eltern gehören zur gebildeten Mittelschicht in Teheran. Früher haben sie im Krankenhaus in der Labortechnik gearbeitet, inzwischen sind beide in Pension. Nach außen versuchen alle, den Schein zu wahren und halten sich an die Regeln. Viele führen aber ein Doppelleben. Ich habe abends in illegalen Untergrund-Theatern gesungen und gespielt, tagsüber habe ich in einem Unternehmen der Regierung gearbeitet. Es gibt illegale Partys mit Alkohol und Rockmusik. In den Familien wird Alkohol getrunken. Die Frauen singen und tanzen. Wenn du abends zuhause sitzt und Hochprozentiges willst, rufst du einfach deinen Lieferanten an und fünf Minuten später ist er da. Sonst wäre das System auch gar nicht zu ertragen.

Obwohl Sie für eine staatliche Organisation gearbeitet haben, haben Sie Probleme mit der Regierung bekommen. Wie kam es dazu?

Mein Job hat mir sehr gut gefallen. Aber es war üblich, mittags in den Gebetsraum zu gehen, um zu beten. Ich bin nicht gläubig und wollte mich nicht verstellen. Also ging ich einfach nie zum Beten, sondern machte meine Arbeit. Auch andere gingen nicht hin. Nach meiner Scheidung begannen die Kollegen und Kolleginnen zu tuscheln. Einige stellten mir Fragen zu meinem Glauben. Der Hintergrund ist: Mein Ex-Schwiegervater war Mitarbeiter der Regierung. Er hatte mir den Job verschafft. Die Familie meines Ex-Mannes war sehr rigide und begann mir nach der Scheidung Probleme zu machen. Mit meinem Ex-Mann hatte ich kein Problem. Wir haben uns einvernehmlich getrennt. Ich habe dann beschlossen, den Job zu kündigen und das Land zu verlassen.

Was möchten Sie in Österreich in Zukunft machen?

Mein Traum ist es mit meinem Freund Namir gemeinsam ein Café in Wien zu eröffnen - im siebten Bezirk. Nima hatte schon in Teheran sein eigenes Café. Wir wollen multikulturelle Performances, Theater und Drehbuch-Lesungen mit persischen Spezialitäten anbieten. Ich kenne sehr viele Iraner und Iranerinnen hier in Wien: SchauspielerInnen, MusikerInnen, RegisseurInnen. Nima und ich haben bei einem Kurzfilm eines Freundes mitgespielt, der wurde kürzlich bei einem Kurzfilmfestival in Wien gezeigt.

Wie war der Kompetenzcheck bei abz*austria für Sie?

Ja, ich habe nach einem Jahr Asyl beantragt und es nach fünf Monaten Wartezeit bekommen. Über meinen AMS-Berater bin ich zu abz*austria gekommen, denn ich wollte nicht wieder als Sozialarbeiterin arbeiten, sondern ein Café eröffnen. Meine Beraterin bei abz*austria hat mir ein Schnupperpraktikum in der Gastronomie und eine Gastronomie-Ausbildung vermittelt. Derzeit bin ich im Unternehmensgründerprogramm des AMS. Im Februar oder März möchte ich gründen und den Gewerbeschein lösen. Dann werden wir auch hoffentlich ein Geschäftslokal gefunden haben. Unsere Familien unterstützen uns bei der Gründung finanziell.

Wie ist das Leben für Sie in Österreich im Vergleich zum Iran?

Hier lebe ich in Freiheit. Die Freiheit ist das Wichtigste. Ich kann tun, was ich will.

Was fehlt Ihnen?

Meine Familie – das ist schwer für mich. Ich habe meinen Vater seit drei Jahren nicht gesehen. Meine Mutter hat mich einmal besucht. Aber im November werden wir uns endlich wiedersehen - auf halbem Wege in Georgien.

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