Tea Time: Von Frauen mit vielen Qualfikationen und Unternehmen, die dieses Potential noch zu wenig erkennen

 Von Frauen, die mehr können, als sie selbst wissen

Zugewanderte Frauen können viel mehr, als Unternehmen glauben. Bei der "Tea Time" im Raiffeisenhaus erzählte das abz*austria-Team von Erfolgsstories und großen Potentialen.

Mit Blick über Wien lud Peter Wesely, Geschäftsführer des Vereins Wirtschaft für Integration zur Tea Time ins Raiffeisenhaus, um mit dem Thema "Geflüchtete Frauen auf dem Weg in den österreichischen Arbeitsmarkt" neue Einsichten zu liefern. Gekommen waren VertreterInnen aus Unternehmen, NGOs, Arbeitsmarktverwaltungen, um Näheres über den Kompetenzcheck von abz*austria zu erfahren.

Manuela Vollmann, Geschäftsführerin von abz*austria erzählte, dass Frauen mit Migrationshintergrund seit der Gründung der Bildungs- und Beratungsorganisation vor 25 Jahren zu den Klientinnen gehören. Mit dem Kompetenzcheck, der im Aufrag des Arbeitsmarktservice Wien stattfindet, habe man vor zwei Jahren ein europaweit einzigartiges Projekt initiiert. In Österreich sei es nicht immer einfach, Ausbildungen aus dem Ausland nostrifizieren zu lassen, "aber vielmehr als um Nostrifizierungen geht es darum, dass Frauen ihre eigenen Kompetenzen wahrnehmen und ihre Handlungskompetenz stärken."

Frauen sind sich oft zu wenig ihrer Fähigkeiten und Kompetenzen bewusst. Und noch weniger, wenn sie aus dem Ausland zugewandert sind, ihre Qualifikationen bei uns kaum wahrgenommen werden und sie bei Null beginnen müssen. Die Beraterinnen und Trainerinnen von abz*austria machen den Frauen während der 7-wöchigen Laufzeit bewusst, dass sie sehr wohl vieles können. So nähte z.B. eine Frau für ihre gesamte Großfamilie Kleidung, wie sich in Gesprächen mit der Beraterin herausstellte. Im Rahmen des Projekts, das die Frauen auch in Aus- und Weiterbildungen, in mehrtägige Schnupperpraktika und mehrwöchige Arbeitstrainings vermittelt, konnte sie eine Ausbildung zur Näherin beginnen.

Der Kompetenzcheck wird in Farsi, Dari und Arabisch angeboten, asylberechtigte oder subsidiär schutzberechtigte Frauen können an dem Programm teilnehmen. Sie erhalten siebzig Stunden Gruppentraining in Deutsch und in der Muttersprache, bekommen u.a. viele Informationen über ihre Rechte und Pflichten auf dem österreichischen Arbeitsmarkt. Im Einzelcoaching werden ihre Kompetenzen aufgespürt, die Frauen erhalten auch Hilfe bei Bewerbungen und bei der Suche nach Praktikastellen und Arbeitstrainings. Die meisten seien sehr motiviert: "Das Recht zu arbeiten ist für viele dieser Frauen neu", erzählte Fariba Olschak, Projektleiterin des Kompetenzcheck bei abz*austria. Das Bildungsniveau der Teilnehmerinnen sei unterschiedlich: 30 Prozent hätten die Matura, 26 Prozent einen Universitätsabschluss in ihrer Heimat erworben. 22 Prozent könnten nur einen Pflichtschulabschluss nachweisen. Ein Drittel der bisherigen Teilnehmerinnen habe keine Berufserfahrung, 17 Prozent hätten in pädagogischen Berufen in ihren Heimatländern gearbeitet und 11 Prozent in Hilfsberufen. Es seien viele Lehrerinnen unter den Zugewanderten. "Ihre Nostrifizierung ist oft schwierig, häufig haben die Frauen auch gar keine Zeugnisse", erzählt Fariba Olschak. "Wir brauchen daher Unternehmen, die uns unterstützen, die den Frauen ermöglichen, ihr Können über Praktika und Arbeitstrainings unter Beweis zu stellen."

Erfolg durch Chance

Schon viele Erfolgserlebnisse gebe es, wenn die Frauen eine Chance in Unternehmen bekommen: Eine Chemikerin aus dem Iran, die ein Praktikum in einem Wiener Labor machte und nun dort arbeitet. Oder eine Frau ohne Schulsabschluss, die unbedingt Pflegerin werden wollte, Deutschkurse besuchte, ihren Pflichtschulabschluss nachholte und derzeit eine Ausbildung zur Pflegeassistentin macht. Oder Zara Barzegar, die selbst dem Publikum auf dem Podium davon erzählte, wie sie im Iran als Psychologin arbeitete und an der Universität Wien weiterstudierte. Einen Job hat sie als Betreuerin in einem Flüchtlingsheim gefunden: "Es gibt sehr viele Menschen mit psychischen Problemen", erzählt sie. Jetzt am Ende ihres Studiums will sie noch Weiterbildungen machen, um als klinische Psychologin arbeiten zu können.

Baharak Abdolifard, eine weitere junge Absolventin des Kompetenzchecks, erzählte, wie sie im Iran als Sozialarbeiterin gearbeitet hatte. "Durch den Kompetenzcheck ist mir klar geworden: Ich will in Wien ein Café eröffnen", verriet sie. Sie konnte ein Praktikum in der Gastronomie absolvieren und plant jetzt ihre Gründung.

Peter Wesely resümierte: "Diversität durch Zuwanderung ist immer ein Gewinn für die Gesellschaft. Es ist beeindruckend, was diese Frauen geschafft haben – wie schnell sie die Sprache gelernt haben und wie groß ihr Wille ist, zu gestalten und unternehmerisch tätig zu werden."

Appell an Unternehmen

Manuela Vollmann strich die Wichtigkeit von Qualifizierung hervor: Wenn zugewanderte Akademikerinnen hierzulande in Niedriglohnjobs arbeiten würden, sei es schwer für sie, aus diesen Jobs wieder herauszukommen – und ihr Potenzial ginge verloren. Überraschend sei für sie während des Projekts gewesen: "Es ist schwieriger, für gut qualifizierte Frauen einen Platz für ein Arbeitstraining zu finden als für weniger gut qualifizierte." Sie appellierte an die anwesenden VertreterInnen von Unternehmen: "Ich will nichts schönreden. Unternehmen müssen etwas investieren, aber sie haben auch etwas davon." Nämlich: neue, engagierte Fachkräfte mit wichtigen Sprachkenntnissen.

In einem neuen Projekt wird abz*austria stärker mit Multiplikatorinnen in den Unternehmen arbeiten, um die Arbeitsintegration von Frauen mit Migrationshintergrund zu erleichtern.

Hier möchte auch der Verein "Wirtschaft für Integration" Bewusstseinsarbeit leisten: unter dem Hashtag #teamvielfalt können MitarbeiterInnen und Teams mit und ohne Migrationshintergrund Fotos auf Facebook, Instagram und Twitter posten.

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