Job mit Berufung: "Das ist unbezahlbar"

Job mit Berufung

Seit 25 Jahren ist Saleema Sader auf Mission: Afghanischen Frauen Lesen, Schreiben und Deutsch beibringen. Seit drei Jahren lebt sie ihre Berufung im Job – als Trainerin und Coach bei abz*austria.

Saleema Sader hat als Trainerin bei abz*austria ihren Sinn gefunden. Er zieht sich wie ein roter Faden durch ihr Leben. Mit gerade einmal 17 Jahren strandete die Tochter eines Teppichhändlers Ende 1982 nach ihrer Flucht aus Kabul, Afghanistan, mit ihrem 13-jährigen Bruder im Auffanglager Traiskirchen. Saleema hatte große Pläne gehabt: Ihr Ziel war es gewesen, an der Universität Kabul zu studieren. Doch das kommunistische Regime begann, Demonstranten zu inhaftieren. Die Lage für Jugendliche war zu gefährlich geworden - auch für Saleema. In Traiskirchen war sie mit ihrem Bruder auf sich allein gestellt. Das westliche Essen war karg und nicht gut verträglich für Menschen aus dem Nahen Osten. Deswegen, und um sich und ihren Bruder zu finanzieren, wurde sie Küchenhilfe. Sie bemerkte, dass viele Frauen und Kinder nicht lesen und schreiben konnten. Also gab sie ihnen Nachhilfe, dolmetschte sie und begleitete sie zum Arzt und auf Amtswege.

Nach zweieinhalb Jahren beschloss sie, mit ihrem Bruder nach Wien zu gehen, um ihren Traum zu erfüllen: ein Pharmazie-Studium. Sie sprach sehr gut Englisch und etwas Deutsch. Parallel zu ihrem Vorstudiengang ging Saleema arbeiten, verkaufte Modeschmuck am Marktstand. Doch die Lateinprüfung zur Studienberechtigung schaffte sie leider nicht. Sie begrub den Traum vom Studium, damit ihr Bruder die Schule besuchen konnte. "Ich war im Grunde die 17-jährige Mutter eines 13-Jährigen", lacht sie heute. Bald hörte sie, dass Kinder von Zuwanderern in Sonderschulen gesteckt wurden. "Das hat mich traurig gemacht. Ich wollte, dass diese Kinder auch alle Chancen auf eine guter Ausbildung und einen Job haben." Nach der Heirat mit ihrem Mann und nach der Geburt ihres ersten Kindes beschloss sie, etwas dazu beizutragen. Sie kümmerte sich um die Kinder einer verstorbenen Bekannten, brachte ihnen in ihren Muttersprachen Dari und Farsi Lesen und Schreiben bei. Über Mundpropaganda erhielt sie immer mehr Anfragen für Sprachunterricht von afghanischen Familien. Schließlich begann sie, in einem Islamischen Zentrum ehrenamtlich Nachhilfe zu geben – erst den Kindern, dann auch den Müttern. Sie alphabetisierte sie in Farsi und Dari und dann auch in Deutsch. Das tut Saleema heute noch samstags, gemeinsam mit einer Handvoll weiterer Freiwilliger. Mehr als 500 Menschen haben sie in den vergangenen Jahren bereits alphabetisiert.

Größtes Glück: Sinn

Seit sie in Österreich ist, hat Saleema Frauen auf Amtswege begleitet und ihnen dabei geholfen, lesen und schreiben zu lernen. Doch das größte Glück, sagt Saleema, ist, dass sie ihr informelles Engagement professionalisiert hat. "Ich bekomme Geld für etwas, das ich lange schon ehrenamtlich tue", sagt sie. Früher hatte Saleema stets neben ihren Kindern Jobs, sie machte eine Ausbildung zur Zahnarztassistentin, arbeitete als Kindergruppenbetreuerin. Als sie 2014 arbeitslos beim AMS gemeldet war, nahm sie an einem Coaching bei BEST Training teil. "Die Beraterin dort war so toll, sie hat mir gesagt, ich sollte unbedingt beruflich etwas in Richtung Sprachtraining tun", erzählt sie. Auch der AMS-Berater riet ihr dazu und bewilligte ihr eine Ausbildung zu Beraterin, Trainerin und Coach. Doch dafür musste sie erst das Auswahlverfahren schaffen.

Vor ihrer Heirat im Jahr 1986 hatte Saleema beschlossen, Kopftuch zu tragen. "Ich dachte mir, mit Kopftuch nehmen die mich nie", lacht sie. "Mir wurde immer wieder geraten, das Kopftuch abzunehmen, um bessere Jobchancen zu haben", erzählt sie. "Doch das ist Teil meiner Identität, das kann ich nicht einfach ablegen." Nur 15 der 175 Anwärter wurden ausgewählt, Saleema war eine von ihnen. Teil des Trainer-Lehrgangs war ein Praktikum. Sie bewarb sich auf diverse Praktikumsstellen, erhielt einige Angebote – und sagte bei abz*austria zu. Aus dem Praktikum wurde rasch ein fixer Job. Heute arbeitet Saleema in Vollzeit bei abz*austria. Sie gibt Einzelcoachings und Kurse im Projekt "Meine Sprachen": "Da geht es um die Alphabetisierung für Frauen in Dari, Farsi und Deutsch", sagt sie. Im Projekt "Kompetenzcheck" berät sie Frauen hinsichtlich ihrer Stärken, Fähigkeiten und beruflichen Erfahrungen: "es ist wichtig, dass sie sich ihrer Stärken und Fähigkeiten bewusst werden und dass sie selbstständig und finanziell unabhängig ihren Weg gehen."

Ihr größtes Erfolgserlebnis? "Ich habe jeden Tag so viele Erfolgserlebnisse", strahlt sie. Sie trifft auf verunsicherte Frauen, die häufig ihren eigenen Wert nicht kennen, die manchmal lange gezögert haben, ins Berufsleben einzusteigen. Nach sieben Wochen verlassen strahlende, selbstbewusste Frauen ihre Kurse. Neben der größeren Chance, einen Job zu finden, gewinnen die Frauen aber noch viel mehr: "Sie erzählen mir, was sich zuhause alles verändert, dass auch der Mann einmal den Tee bringt oder sie eben einmal nicht kochen, weil sie den Deutschkurs besuchen. Und dass die Kinder stolz darauf sind, wenn ihre Mutter eine Arbeit findet." Auch die Dankbarkeit der Frauen rührt sie oft: "Eine Dame hat kürzlich zu mir gesagt: Wenn ich bete, sehe ich dein Gesicht. Eine andere Frau, sie war ursprünglich Analphabetin, hat mir erzählt, wie sie ihrem Mann die deutschen Untertitel in einem Film vorlas. Er konnte es nicht glauben. Das ist unbezahlbar", sagt Saleema zufrieden. Eine andere Frau fand durch den Kompetenzcheck ihr Lächeln wieder: Nach vielen Schwierigkeiten und Leidenswegen hatte sie ihr Lachen verloren. Als sie eines Tages mit ihren Kindern einen lustigen Film anschaute, begann sie herzlich zu lachen. "Die Kinder konnten es nicht fassen und haben mir einen herzzerreißenden Brief geschrieben", erzählt Saleema gerührt. Laut Saleema wäre dies nicht möglich, wenn ihr Team nicht mit ganzem Herzen dabei sei. Sie hat wahrlich ihre Berufung gefunden.

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