"Ohne Schraubenschlüssel geht es nicht"

Ohne Schraubenschlüssel geht es nicht

Fotocredit: Os.Car Racing Team / Matthäus Hadamik

Von klein auf war Natalie Gemovic mit Technik vertraut. Jetzt vertieft sie ihre Fähigkeiten dank des FiT-Programms mit dem "High-Tech Manufacturing"-Studium.

Als Kind reichte sie dem Vater und dem Bruder in der familieneigenen Werkstatt Schraubenschlüssel und Zange. "Mein Vater hat mir sogar gesagt, ich soll mich mit der Technik beschäftigen, aber ich hab mich dann mehr für Administratives eingeteilt", lacht Natalie Gemovic. Wir sitzen beim Kaffee am Columbusplatz in Wien-Favoriten, Gemovics fünfjährige Tochter hüpft vergnügt zwischen den Wasserfontänen. Die alleinerziehende Mutter ist gerade mitten in einer für Frauen eher untypischen Karriere. In Österreich verbrachte sie ihre Kindheit, in Serbien ihre Jugend, absolvierte dort die HTL für Elektrotechnik und eine Ausbildung zur PC-Servicetechnikerin, arbeitete auch in diesem Beruf. 2010 kam Gemovic zurück nach Österreich, versuchte auf dem Arbeitsmarkt in der Administration Fuß zu fassen und fand erstmal - nichts. "Ich habe viele Absagen bekommen. Wenn ich doch zum Bewerbungsgespräch eingeladen wurde, waren die Personaler erstaunt, dass ich so fließend Deutsch spreche", erzählt die Tochter einer Österreicherin.

Job im Büro bekam sie aber keinen, "manche meinten, mir würde nur langweilig werden." Allerdings fiel ihr dann eine Stellenanzeige für das Büro eines Wartungsunternehmens auf. "Sie hatten noch eine technische Stelle ausgeschrieben und wollten mich nach dem Bewerbungsgespräch unbedingt dafür", sagt sie. Also fuhr sie im Außendienst in Niederösterreich und im Burgenland bis in die Südsteiermark Gastronomiebetriebe an, reparierte dort Backöfen und andere Geräte. Als sie schwanger wurde, entschied sie sich gemeinsam mit dem Arbeitgeber für die einvernehmliche Dienstauflösung, obwohl das Unternehmen ihr eine Teilzeitstelle im Büro angeboten hätte: "ich hatte in Vollzeit schon nur 1260 Euro netto verdient, das wäre sich finanziell absolut nicht ausgegangen", sagt sie. Nach der Karenz meldete sie sich arbeitslos. "Ich hatte das FiT-Programm schon öfter gelesen und dachte mir, das passt zu mir", sagte sie.

Durchstarten mit FiT.Wien

Im März 2015 landete sie im Programm "Frauen in die Technik" von abz*FiT.Wien. In der ersten Orientierungswoche ging es darum, mögliche Ausbildungen zu recherchieren. Zufällig stieß sie auf das Bachelor-Studium High-Tech Manufacturing an der FH Campus Wien. "Da geht es um Mechatronik und Fertigungstechnik, sehr spannend", sagt sie. Schon Ende April meldete sie sich dafür an, wenige Tage später fand die Aufnahmeprüfung statt – früher, als sie dachte. "Ich habe mich selbst so gut es ging, mit Logik-Tests aus dem Internet darauf vorbereitet und bin auf gut Glück hingegangen", erzählt sie. abz*austria bietet dazu auch Vorbereitungskurse an, leider ging sich das zeitlich nicht aus. Im Rahmen des FiT-Programms absolvierte Natalie Gemovic sogenannte Brückenkurse in Mathematik und Physik, "das half mir gut, um meine Kenntnisse für das Studium wieder aufzufrischen", erzählt Gemovic.

Ambitioniert in Führung

Seit Herbst 2015 studiert sie in Vollzeit, nächstes Jahr beendet sie das Bachelor-Studium. "Es ist schon stressig mit Kind, im vierten Semester gab es vier Tage die Woche ganztags Pflichtveranstaltungen und danach mussten wir Seminararbeiten schreiben", sagt sie. Zudem hat Natalie Gemovic seit einem Jahr eine spannende Aufgabe: Sie ist im Formula-Student-Team dabei: Für den internationalen Konstruktionsbewerb wird ein Rennauto gebaut, das in diversen Rennen bestehen muss. Derzeit leitet sie den Bereich Motor, ab August übernimmt Gemovic die Position des Teamkapitäns und leitet damit bis zum Ende des Studiums ein Team von 40 Studierenden aus verschiedenen Disziplinen. Schon jetzt ist sie nach den Lehrveranstaltungen und am Wochenende oft in der Formula-Student-Werkstatt - meist gemeinsam mit ihrer kleinen Tochter. "Ich habe ihr ein Planschbecken aufgestellt, damit ihr nicht langweilig wird. Und sie reicht mir schon die Werkzeuge", lacht sie. Mit ihrem Engagement hat sie sogar eine geringfügige Beschäftigung an der FH ergattert.

Mit ihrer FiT-Beraterin ist sie per Mail und Handy in Kontakt. "Ich erzähle ihr, wie es mir im Studium geht, wie meine Noten sind". Gemovic freut sich auch, wenn sie im Bewerbungsprozess am Ende des Studiums Unterstützung von der FiT-Absolventinnenbetreuung bekommt. Beruflich will sie unbedingt im technischen Bereich Projekte und Teams leiten, daher ist ihr die Leitungserfahrung bei Formula Student auch so wichtig. "Ich mag es, die Stärken und Schwächen der Mitarbeiter herauszufinden, sie zu koordinieren. Aber ohne Schraubenschlüssel geht es für mich auch nicht."

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